Das soziale Dilemma

Ich möchte Freunde sehen. Ich möchte lachen, dazugehören, Teil von etwas sein. Doch schon der Gedanke daran kostet Energie.

Zeit allein tut mir gut – aber sie bringt auch die Angst mit sich, vergessen zu werden.

Ich sorge mich: „Mögen sie mich überhaupt?“ Was, wenn es unangenehm wird? Was, wenn ich mich falsch bewege, falsch klinge, falsch rieche?

Jede Kleinigkeit wird zerlegt und hinterfragt, bis der Wunsch nach Nähe im Nebel der Überforderung verschwindet.

Faktischer Blick

Soziale Überforderung ist ein häufiges Symptom bei Depressionen, Angststörungen und Erschöpfungssyndromen. Das Gehirn bewertet soziale Situationen dann oft als potenzielle Bedrohung. Selbst harmlose Treffen können als „Risikofaktoren“ eingestuft werden – nicht, weil wir Menschen nicht mögen, sondern weil unser Nervensystem im Dauer-Alarmmodus ist.

Soziale Interaktion benötigt Energie: Blickkontakt halten, Smalltalk führen, Körpersprache lesen, reagieren. Wenn diese Energie schon im Alltag durch Stress und Grübeln aufgebraucht wird, fühlt sich selbst ein Kaffee mit einer Freundin wie ein Marathon an.

Der innere Spiegel

Ich sage mir: „Mach mehr Selfcare.“ Doch ist das egoistisch? 

Ich denke: „Bewege dich mehr, iss gesünder.“ Doch will ich wirklich einem Ideal folgen, das nicht meins ist?

Zwischen Selbstfürsorge und gesellschaftlichen Erwartungen zieht sich ein unsichtbares Tau, an dem ich hin- und hergerissen werde. Ich mag meinen eigenen Weg – aber manchmal fühlt er sich wie ein einsamer Pfad an.

Faktischer Blick

Die ständige Selbstoptimierung, die in sozialen Medien und im Alltag propagiert wird, verstärkt diesen inneren Konflikt. Studien zeigen, dass zu hohe Ansprüche an „perfekte Selfcare“ paradoxerweise zu mehr Stress führen können.

Was als Fürsorge beginnt, wird dann zu einer Checkliste, die abgehakt werden muss: Meditation, gesunde Ernährung, Sport, Journaling. Doch wenn diese Routinen zum Muss werden, verlieren sie ihren heilsamen Kern.

Gesunde Selbstfürsorge bedeutet, herauszufinden, was einem wirklich guttut – auch wenn es nicht den gängigen Vorstellungen entspricht.

Gedanken im Dauerkrieg

Es ist ein ständiges Hin und Her:

Will ich dazugehören oder brauche ich Abstand?

Soll ich mich anpassen oder treu zu mir selbst bleiben?

Diese widersprüchlichen Stimmen reden gleichzeitig, bis sie sich gegenseitig übertönen. Und dann bleibe ich stehen. Nicht, weil ich nichts tun will. Sondern weil ich nicht weiß, welchen Schritt ich zuerst gehen soll.

Faktischer Blick

Psychologisch betrachtet ist das ein typisches Muster bei Überlastung: das sogenannte „kognitive Blockieren“. Wenn zu viele widersprüchliche Handlungsimpulse gleichzeitig auftreten, kommt das Arbeitsgedächtnis an seine Grenzen.

Das Gehirn schaltet dann in einen Stillstand, ähnlich wie ein Computer, der zu viele Programme offen hat. Dieser Zustand ist nicht Faulheit – es ist ein Überlebensmechanismus, um Energie zu sparen und vor weiterer Überforderung zu schützen.


Gedanken zum Mitnehmen

Faulheit ist nicht immer Faulheit. Oft ist es ein Kampf im Kopf, den niemand sieht. Überforderung kann leise aussehen – aber sie fühlt sich laut an.

Vielleicht sollten wir uns weniger fragen, „Warum mache ich nichts?“ und öfter: „Was bräuchte ich gerade, um mich wieder zu bewegen?“

Musik für den Moment

Eine Sammlung von Liedern für die stillen Kämpfe – für Momente, in denen dein Kopf zu laut und dein Herz zu müde ist.

Abschluss

Ich bin nicht faul.

Ich trage nur manchmal ein Gewicht, das mich ausbremst.

Und ich lerne, mir Pausen zu erlauben – ohne mich dafür zu verurteilen.

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