Gefühle brauchen nicht sofort eine Antwort

Wenn starke Emotionen auftauchen, entsteht oft innerer Druck. Ein Gefühl allein scheint nicht auszureichen – es muss sofort etwas passieren. Dabei ist es völlig legitim, nichts zu entscheiden.
Man darf sagen: Ich kann darüber gerade nicht nachdenken. Ich brauche fünf Minuten für mich. Ich melde mich später noch mal. Sich zeitweise aus einer Situation zu entziehen ist kein Rückzug aus Verantwortung. Es ist Selbstschutz.
Emotionen halten heißt auch, dem eigenen Umfeld ehrlich zu signalisieren, dass gerade Kapazitäten fehlen. Nicht, weil man schwach ist. Sondern weil man spürt, dass Entscheidungen aus Überforderung selten gute Entscheidungen sind.

Frust, der alles übernimmt

Frust ist für mich ein Gefühl, das schnell absolut wird. Wenn ich sehr frustriert bin, ist plötzlich alles schlecht. Nichts funktioniert. Jede Idee ist dumm. Das Problem ist nicht nur schwierig – es ist unlösbar. Früher habe ich versucht, mich da rauszudenken. Oder mich zu zwingen, trotzdem weiterzumachen. Halten bedeutet für mich heute etwas anderes. Es beginnt mit dem inneren Satz: Ja. Das ist gerade scheiße. Ich bin frustriert, weil etwas nicht funktioniert hat. Und es ist logisch, dass sich das gerade schlecht anfühlt.
Halten heißt dann nicht, sofort zu entscheiden, ob ich komplett aufgebe oder später weitermache. Ich entscheide mich nur für eines: Ich mache jetzt eine Pause. Vielleicht mache ich etwas völlig anderes. Vielleicht ruhe ich mich kurz aus. Vielleicht ziehe ich mich an einen Ort zurück, der sich sicher anfühlt. Wenn jemand da ist, sage ich es laut: Ich brauche gerade kurz Zeit für mich.
Dann atme ich. Spüre, was der Frust im Körper macht. Lasse ihn da sein, ohne ihn zu füttern. Erst danach – nicht mitten im Sturm – kann ich wieder nach Lösungen schauen.

Wut, die sich sonst gegen mich richtet

Unterdrückte Wut verschwindet nicht. Sie sucht sich nur einen anderen Weg. Wenn ich meine Wut zu lange klein halte, richtet sie sich oft gegen mich selbst.
Als Selbstabwertung.
Als Schuld.
Als innere Härte.
Auch hier bedeutet Halten nicht Eskalation. Es bedeutet Anerkennung. Ich bin wütend. Und das darf sein. Ich muss diese Wut nicht sofort ausleben. Aber ich muss sie auch nicht so lange wegdrücken, bis sie sich nach innen frisst. Manchmal reicht es, sie innerlich zu benennen. Manchmal hilft Bewegung. Manchmal ein paar klare Worte – erst mal nur für mich.
Wut gehalten zu fühlen ist oft weniger zerstörerisch als Wut ignoriert zu fühlen.


Gedanken zum Mitnehmen

  • Du musst keine Entscheidungen treffen, wenn Gefühle dich übernehmen.
  • Pausen sind erlaubt, auch mitten im Prozess.
  • Gefühle dürfen da sein, ohne Konsequenzen zu haben.
  • Frust erzählt keine Wahrheiten, sondern Zustände.
  • Wut will gesehen werden, nicht besiegt.

Ein ruhiger Moment

Vielleicht ein Fenster öffnen.
Vielleicht die Schultern bewusst sinken lassen.
Vielleicht einen Schluck Wasser trinken.

Kein Ritual, das etwas lösen muss.
Nur ein kleiner Moment, der signalisiert:
Ich bin noch da.

Abschluss

Vielleicht ist Halten kein passiver Zustand. Sondern eine leise, sehr aktive Entscheidung. Nicht jetzt. Nicht sofort. Nicht aus Überforderung heraus.
Du darfst fühlen, ohne zu handeln. Du darfst pausieren, ohne aufzugeben. Und du darfst dir selbst den Raum geben, den du sonst so oft anderen lässt.
Manchmal ist das Mutigste, was wir tun können, genau hier stehen zu bleiben. Dem Gefühl Raum zu geben – ohne uns selbst darin zu verlieren.

Vielen Dank fürs Lesen, ich würde mich über deine Gedanken in den Kommentaren freuen!

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