Der Tag davor

Am Tag bevor ich sterbe, wache ich auf wie immer: ein bisschen zu müde, ein bisschen zu rastlos. Doch irgendwo tief in mir gibt es diesen feinen, kaum spürbaren Riss — etwas, das sich wie ein leiser Abschied anfühlt, den ich selbst nicht benennen kann. Die Welt wirkt unscheinbar, fast durchsichtig, als würde ich sie mit etwas mehr Abstand betrachten als sonst.

Ich denke an meinen Opa. An seine Hände, seine ruhige Stimme, die Wärme, die er ausstrahlte. An die Möglichkeit eines Wiedersehens — und an die Möglichkeit, dass danach einfach nichts kommt. Keine Tür. Keine Stimme. Keine Begegnung. Nur Stille. Beides macht mir Angst, und doch beruhigt es mich auf seltsame Weise.

Ich beantworte Nachrichten langsamer als sonst. Und obwohl niemand es merken würde, lese ich bestimmte Chats ein letztes Mal — nicht, um zu antworten, sondern um die Nähe dieser Menschen ein wenig zu fühlen. Auf einen kleinen Zettel schreibe ich ein paar Worte. Keine Botschaft, nichts Großes. Nur etwas, das für mich Bedeutung hat. Ich lege ihn auf die Kommode, wie aus Gewohnheit. Oder aus Vorahnung.

Unterwegs halte ich manchen Blick einen Moment länger. Ein stilles Auf Wiedersehen, das niemand versteht. Eine Freundin tippt mir eine Nachricht, löscht sie aber wieder. Vielleicht hätte sie etwas geändert. Vielleicht auch nicht.

Meine Wohnung wirkt an diesem Tag wie ein eingefrorener Moment:
Der Pullover über dem Stuhl.
Das halbvolle Glas.
Die Pflanzen, die Wasser bräuchten.
Alltäglich — und doch wie ein Standbild, das gleich jemand anderes betrachten wird.

Ich ahne nicht, dass ich nächste Woche ein neues Hobby gefunden hätte, das mir Halt gegeben hätte. Oder dass ein Mensch kurz davor war, mir eine Frage zu stellen, auf die ich „Ja“ gesagt hätte.
Die Zukunft hat längst kleine Wege vorbereitet, die ich nie betreten werde.

Am Abend sitze ich kurz länger auf meinem Bett. Ich versuche, mich zu spüren — meinen Atem, meine Hände, die Stille um mich herum. Dann lege ich mich hin, richte die Decke wie immer und schalte das Licht aus.

Ich gehe schlafen.
Das letzte Mal.

Der Tag danach

Am Tag nach meinem Tod verändert sich alles und gleichzeitig nichts.
Die Welt dreht sich weiter, doch an einigen Stellen bleibt sie für einen Moment stehen.

Meine Partnerin findet mich. Die Luft im Raum wird schwer, unbeweglich. Ihre Hände zittern, ihr Blick bleibt an Dingen hängen, die gestern noch selbstverständlich waren: meine Schuhe, meine Tasse, der Abdruck meines Kopfes im Kissen. Nichts davon tröstet. Alles schmerzt.

Meine Familie erfährt es. Es gibt diesen kurzen Moment, in dem die Worte nicht ankommen, in dem niemand begreift, was gesagt wurde. Dann setzt das Atmen aus — nicht vollständig, aber genug, um den Boden unter ihnen brüchig zu machen.

Nachrichten werden verschickt. Dann weitere.
Menschen, die ich längst abgeschrieben glaubte, stolpern über meinen Namen und werden still. Manche setzen sich. Andere scrollen weiter und kehren später noch einmal zurück, als müssten sie sicher sein, dass da wirklich mein Bild steht.

In meiner Wohnung bleibt alles unberührt.
Die Tür zu meinem Zimmer steht offen, aber niemand tritt ein. Die Decke auf meiner Seite liegt in sich zusammen, als hätte sie aufgehört zu warten.

Auf meinem Handy erscheint eine Erinnerung, die ich nie sehen werde: eine Einkaufsliste. Ein Gedanke. Ein kleiner Plan für die kommende Woche.

Auch an diesem Tag hätte ich etwas erlebt:
Einen Menschen kennengelernt, mit dem ich viel gelacht hätte.
Einen Satz gehört, der mir Mut gemacht hätte.
Vielleicht gemerkt, dass es mir ein bisschen besser geht als gedacht.

Am Abend liegen die Hunde auf meiner Bettseite und warten auf meine Hand, meine Wärme. Sie warten darauf, dass ich nach Hause komme.

Doch ich komme nicht.

Die Woche danach

Eine Woche nach meinem Tod hat sich die Welt merkwürdig eingependelt.
Mein Name fällt noch, aber nicht mehr überall. Manche sprechen vorsichtig, andere nüchtern — weil es die einzige Art ist, nicht zu zerbrechen.

Erst jetzt werden die Lücken sichtbar, die vorher unsichtbar waren:
Ein Kurs, den ich am Wochenende ausprobiert hätte.
Ein Mensch, dem ich begegnet wäre — jemand, der mich vielleicht auf eine Weise verstanden hätte, wie es nur wenige konnten.
Ein kleiner Ort, den ich entdeckt und zu meinem Rückzugsplatz gemacht hätte.

Meine Wohnung bleibt ein eingefrorenes Bild:
Der Pullover auf dem Stuhl.
Das halbvolle Glas.
Der Zettel auf der Kommode.
Nichts bewegt sich, außer der Zeit.

Mein Hund wird still. Sie liegt an Türen, an denen ich sonst vorbeigegangen wäre. Meine Schritte fehlen ihrem Leben.

Meine Partnerin lebt weiter, aber nur körperlich. Ihre Bewegungen sind langsamer, schwerer. Als wäre das Licht ausgegangen und niemand hätte den Schalter gefunden.

Die Zukunft, die sich schon leise vorbereitet hatte, läuft weiter — nur ohne mich.


Gedanken zum Mitnehmen

Vielleicht hilft diese Geschichte dabei, sich bewusst zu machen, wie viel wir in anderen auslösen, ohne es zu merken.
Welche Wege wir kreuzen.
Wie viele Menschen uns im Vorbeigehen behalten.
Wie oft wir etwas verändern, ohne es zu wissen.

Wir verschwinden nicht einfach — wir verlassen nur unsere Perspektive.
Für andere bleiben wir länger sichtbar, als wir glauben.

Eigene Erfahrungen

Vielleicht schreibe ich diese Zeilen, weil ich selbst schon an einem Punkt stand, an dem ich dachte, nichts würde sich je wieder verändern. Ich kenne diese Schwere, diese Gedanken, die leise beginnen und irgendwann zu laut werden.

Und doch hat sich so vieles bewahrheitet, von dem ich damals überzeugt war, dass es für mich nicht möglich wäre.

Neue Menschen, die plötzlich wichtig wurden.
Neue Orte, an denen ich mich wieder gespürt habe.
Hobbys, die ich nie geplant hätte und die trotzdem Licht in meinen Körper gebracht haben.

Dinge, die ich gefunden habe, weil ich nicht gegangen bin.
Damals hätte ich das nicht einmal erahnen können — und vielleicht ist das der einzige Grund, warum ich heute darüber schreiben kann.

Abschluss

Danke, dass du diesen Text gelesen hast.
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Welcher Gedanke aus dieser Geschichte ist dir am meisten nachgegangen?

Vielen Dank fürs Lesen, ich würde mich über deine Gedanken in den Kommentaren freuen!

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