
Ein Jahr zwischen Ende und Anfang
Dieses Jahr fühlt sich an wie ein langer Atemzug nach dem Auftauchen. Kein sauberer Schnitt, kein Vorher und Nachher. Eher ein langsames Verschieben von Gewicht, von Dunkelheit zu etwas, das wieder Konturen hat. Dieser Text ist kein Erfolgsbericht. Er ist ein Rückblick auf ein Jahr, das mich an meinen Rand geführt hat und mich gleichzeitig gelehrt hat, wie vorsichtiges Weitergehen aussehen kann.
Dort, wo ich gestartet bin
Es gab einen Punkt, an dem ich innerlich am Ende war. Nicht dramatisch im Außen, nicht laut, sondern leise und endgültig. Beziehungen habe ich sabotiert, weil Nähe sich bedrohlich anfühlte und Distanz die einzige Form von Kontrolle war, die ich noch kannte. Freundschaften zerfielen nicht plötzlich, sondern tropften langsam weg, weil ich nicht mehr antwortete, weil ich keine Kraft hatte, präsent zu sein, weil ich überzeugt war, eine Belastung zu sein. Auch die Beziehung zu meiner Partnerin litt darunter. Nicht, weil es keine Liebe gab, sondern weil ich mich selbst nicht mehr ertragen konnte und alles, was mir nah war, automatisch mit mir in den Abgrund zog.
Ich habe Abschiedsbriefe geschrieben. Nicht metaphorisch, nicht halb. Ich habe mich verabschiedet, habe Worte gesucht für ein Danach, das ich selbst nicht mehr erleben wollte. Ich habe mein Ableben geplant, nüchtern, fast organisatorisch. Als wäre es ein Projekt, das man sauber abschließen muss. Dabei war da kaum noch Gefühl. Keine große Verzweiflung, kein Weinen. Nur Leere. Eine Art innere Abwesenheit. Ich hatte keine Hobbys mehr, keine Interessen, keine Zukunftsvorstellungen. Dinge, die früher Teil von mir waren, fühlten sich fremd an, wie Erinnerungen aus einem anderen Leben.
Freude existierte nicht mehr. Nicht einmal in kleinen Dosen. Essen war egal, Gespräche anstrengend, Tage austauschbar. Ich stand auf, weil der Tag begann, und ging ins Bett, weil er endete. Dazwischen lag nichts, was Bedeutung hatte. Ich war keine Person mehr mit Eigenschaften oder Wünschen. Ich war ein funktionierender Körper, der versuchte, möglichst unauffällig durch die Zeit zu kommen. Rückblickend war das kein Leben, sondern ein Ausharren. Ein Zustand, in dem alles, was mich ausgemacht hat, stillgelegt war.
Der Weg, der sich langsam geöffnet hat
Heilung kam nicht als Wendepunkt, nicht als Entscheidung aus eigener Kraft. Sie begann dort, wo ich abgegeben habe. In der Klinik. In einem Rahmen, der mich gehalten hat, als ich mich selbst nicht halten konnte. Struktur von außen, wenn innen nichts mehr greift. Gespräche, die manchmal nur aus Schweigen bestanden. Menschen, die mich gesehen haben, ohne Lösungen zu verlangen. Dort habe ich Menschen kennengelernt, mit denen mich bis heute eine besondere Verbindung verbindet, weil sie mich in einem Zustand kennengelernt haben, in dem nichts beschönigt werden musste.
In dieser Zeit habe ich langsam wieder Zugang zu mir gefunden. Nicht über große Erkenntnisse, sondern über kleine Erfahrungen. Zu lernen, dass Gefühle kommen und gehen dürfen. Dass Gedanken nicht automatisch Wahrheiten sind. Dass es möglich ist, einen Tag zu überstehen, ohne ihn bewerten zu müssen. Und dort ist auch etwas entstanden, womit ich nicht gerechnet hatte: Kunst als Ausdruck. Nicht schön, nicht geplant, nicht mit Anspruch. Sondern roh. Direkt. Ehrlich. Hände, die gearbeitet haben, wenn Worte gefehlt haben. Linien, die Gefühle getragen haben, für die es keine Sprache gab.
Kunst wurde kein Ziel, sondern ein Ventil. Ein Ort, an dem nichts richtig oder falsch war. Ein Raum, in dem ich existieren durfte, ohne zu funktionieren. Nicht jeder Tag war gut. Manche Tage waren schwer, manche hoffnungslos, manche fühlten sich wie Stillstand an. Aber zwischen all dem gab es Momente, in denen etwas in Bewegung kam. Kleine Verschiebungen. Erste Ahnungen davon, dass Leben vielleicht wieder möglich sein könnte. Nicht so wie früher, aber anders. Und vielleicht reicht anders.
Jetzt, mit allem Dazwischen
Heute ist vieles noch unsicher. Mein Leben ist kein stabiler Endzustand, sondern ein Prozess. Es gibt gute Phasen und es gibt Tage, an denen alte Muster laut werden. Rückschritte passieren. Müdigkeit auch. Aber ich bin klarer als früher. Ich erkenne meine Symptome besser, oft schon bevor sie mich komplett einnehmen. Ich weiß, welche Situationen mir gut tun und welche mich überfordern. Und ich erlaube mir zunehmend, danach zu handeln.
Die Kunst ist geblieben. Nicht als Therapieersatz, nicht als Lösung für alles, sondern als Sprache. Als etwas, das mich begleitet und mir hilft, mich selbst zu verstehen. Ich bin nicht geheilt im klassischen Sinn. Aber ich bin anwesend in meinem eigenen Leben. Ich treffe Entscheidungen bewusster. Ich übernehme Verantwortung für meine Grenzen. Und ich beginne, mir selbst wieder zu vertrauen.
Was neu dazugekommen ist, sind Dinge, die mir Struktur und Freude geben. Neue Hobbys, die nicht perfekt sein müssen:
- Zeichnen und Malen
- Schmuck herstellen
- Häkeln
- Bücher binden
- Möbel bauen/restaurieren
Und es gibt Erfolge, die vielleicht klein wirken, für mich aber groß sind:
- Beziehungen nicht mehr reflexartig zu sabotieren
- Frühzeitiges Erkennen von Überforderung
- Hilfe annehmen, ohne mich dafür zu schämen
- Eigene Bedürfnisse ernst nehmen
- Kunst als festen Bestandteil meines Alltags integriert zu haben
Das Leben ist immer noch ein Balanceakt zwischen Stabilität und Chaos. Aber es ist mein eigenes. Und ich bin Teil davon. Das allein fühlt sich heute wie ein Erfolg an.
Gedanken zum Mitnehmen
Heilung ist nicht linear. Fortschritt fühlt sich oft unspektakulär an. Bleiben ist manchmal mutiger als weitermachen. Und Klarheit kann leise sein.
Was mir geholfen hat
Routinen, die klein genug sind, um nicht zu überfordern. Ehrliche Beziehungen, die nicht retten wollen. Kreativer Ausdruck ohne Anspruch. Pausen, bevor es kippt. Hilfe annehmen, auch wenn es sich fremd anfühlt.
Abschluss
Wenn du magst, erzähl mir in den Kommentaren, wie dein letztes Jahr für dich war. Einen Satz, ein Gefühl, ein Wort. Du musst nichts erklären. Gesehen werden reicht.
Vielen Dank fürs Lesen, ich würde mich über deine Gedanken in den Kommentaren freuen!
